| Homöopathie
im Schweinestall
Was sie leisten kann und
was nicht
Die Homöopathie gewinnt auch
bei der Behandlung von Schweinekrankheiten immer mehr an Bedeutung.
Wo sie erfolgreich eingesetzt werden kann, erklärt Dr. Wolfgang
Schafzahl, Tierklinik St. Veit.

Homöopathische Mittel sind heute
auch im Bereich der intensiven Schweinehaltung in aller Munde. Die
Gründe liegen in der hervorragenden Wirksamkeit dieser Arzneien,
in ihrer Preiswürdigkeit und ihrer einfachen Verabreichbarkeit
an große Tiergruppen ohne Verschleppungsrisiko innerhalb des
Bestandes. Die Forderung der Verbraucher nach rückstandsfreien
Lebensmitteln und das gesteigerte Bewusstsein der Bauern für
eine tier- und umweltschonende Produktionsweise hat der homöopathischen
Tiermedizin zum Durchbruch verholfen. So hat die Tierklinik St.Veit
vor zwei Jahren eine eigene Abteilung für homöopathische
Bestandsbetreuung beim Schwein eingerichtet.
„Denken wie ein Schwein!“
Die klassische Schulmedizin richtet
sich gegen einzelne Erreger (z. B. Bakterien) durch Antibiotika
oder behandelt einzelne Organsysteme (z. B. Kreislaufmittel). Ein
wesentlicher Unterschied der Homöopathie zur klassischen Medizin
liegt darin, dass es sich um eine Regulationsmedizin handelt, die
den Organismus Gesamtheitlich erfasst und über die Stärkung
der Lebenskraft des Tieres ihre Wirkung entfaltet. Mit dem Einsatz
eines homöopathischen Arzneimittels aufgrund individueller
Symptome soll der Körper zur Eigenregulation angeregt werden.
Eine genaue Diagnose und eine sehr gute Tierbeobachtung sowie das
sichere Erkennen von Krankheitsanzeichen (Symptomen) sind die Voraussetzung
zur Auswahl der richtigen Arzneien.
Ein guter Tierarzt, aber auch ein im Stall erfolgreicher Tierhalter,
muss sich in seine Tiere hineindenken können – „Denken
wie ein Schwein!“ – um sie gut zu betreuen. Diese psychologischen
Fähigkeiten sind entscheidende Erfolgskriterien (Besamungserfolg,
Aufzuchtleistung,…) in der gesamten Arbeit mit Schweinen.
Wie viele Beispiele zeigen, spielt die Art der Haltungssysteme dabei
nur eine geringe Rolle.
Unsere Erfahrungen der letzten Jahre zeigen uns klar die wichtigsten
Anwendungsgebiete der Homöopathie in Schweinebeständen.
Überall dort, wo wir es nicht mit akuten Krankheiten, ausgelöst
durch primär pathogene Krankheitserreger, wie APP, Rotlauf,
Streptokokken, Dysenterie im Mastbestand, etc. zu tun haben, lassen
sich erfolgreich homöopathische Behandlungen durchführen.
Das heißt nicht, dass sich akute Infektionskrankheiten mit
der Homöopathie nicht behandeln lassen. Aber bei akuten Krankheiten
sollte der Tierarzt entscheiden, ob eine konventionelle Behandlung
nicht doch sinnvoller ist.
Im Ferkelerzeugerbetrieb sind großartige Erfolge im Bereich
der Sauenfruchtbarkeit, der MMA-Vorbeuge, der Circovirusvorbeuge
und bei Saugferkelfrühdurchfällen zu erzielen. Ebenfalls
gut bewährt hat sich die homöopathische Bestandsbehandlung
in Zuchtsauenherden zur Verhinderung von Fieberschüben mit
Appetitlosigkeit nach Schutzimpfungen, wie sie seit dem Einsatz
neuerer Impfstoffe mit wirkungssunterstützenden Ölzusätzen
verstärkt auftreten.
Im Mastbestand sind Kannibalismus, Brüllhusten, plötzlich
auftretendes Fieber, ausgelöst durch Virusinfektionen, wie
Influenza, PRRS, und alle Formen von Immunkrankheiten (PMWS, PDNS)
Krankheitsfälle, für deren Behandlung
der Homöopathie aus vielen Gründen der Vorzug zu geben
ist.
Einen wichtigen Einsatzbereich stellt die Entgiftung der Tiere dar,
die vor allem nach Verfütterung von mykotoxinhaltigen Futtermitteln
oder nach langen Antibiotikabehandlungen notwendig ist.
Das
homöopathische Mittel
Homöopathische
Arzneimittel können unterschiedlichen Ursprungs sein –
Pflanzen (Aconitum, Belladonna), Tiere (Tarantula, Apis), Mineralien
(Silicea, Graphites), Metalle (Gold) oder physikalische Arzneien
(X-Ray, Sol). Sie werden wie sonstige Arzneimittel nach gesetzlich
geregelten Herstellungsvorschriften des Homöopathischen Arzneibuches
(HAB) in Apotheken oder von der Pharmaindustrie hergestellt. Die
Arzneimittel werden bei der Herstellung potenziert, d.h. jedem Verdünnungsschritt
folgt eine Verschüttelung, womit eine Wirksamkeitssteigerung
des Mittels erreicht wird. Erst damit wird der im Arzneimittel gespeicherte
Informationsgehalt für den tierischen Organismus verfügbar
und das Mittel wirksam.
Alle homöopathischen Arzneimittel, die bei Nutztieren eingesetzt
werden, dürfen nur unter Vorlage eines tierärztlichen
Rezeptes von Apotheken abgegeben werden. Der Tierarzt wählt
in seiner Verschreibung jenes Mittel mit dem Arzneibild, das dem
Krankheitsbild am ähnlichsten ist. In der Schweinemedizin bewähren
sich sehr gut Kombinationen aus mehreren Mitteln, die aber nach
der Symptomen genau ausgewählt werden müssen, damit sie
sich nicht gegenseitig unterdrücken.
Wie
verabreichen?
Homöopathische
Arzneien werden in den Arzneiformen Globuli (Zuckerkügelchen,
die mit einer Arzneimittellösung imprägniert werden),
Dilutionen (alkoholische Lösungen) und Triturationen (Pulver)
hergestellt.
Globuli haben bei der Behandlung von Schweinen den Nachteil, dass
das Eingeben bei einer größeren Zahl kranker Tiere sehr
umständlich, arbeitsintensiv und unsicher ist. Der Einsatz
von homöopathischen Pulvern scheitert meist am hohen Preis,
da deren Herstellung sehr arbeitsund kostenintensiv ist.
Wenn homöopathische Arzneimittel an größere Tiergruppen
zu verabreichen sind, raten wir deshalb aus praktischen Gesichtspunkten
zum Einsatz von Dilutionen. Diese können als Tropfen direkt
auf die Schleimhäute verabreicht werden, über das Futter
oder über das Trinkwasser. Marktübliche Trinkwassermedikatoren
(Proportionaldosierer, siehe top agrar 3/2003) haben sich zur Verabreichung
über das Trinkwasser als sehr gut geeignet erwiesen.
Auch das Versprühen homöopathischer Arzneimittel an die
Rüsselscheibe der Schweine stellt eine einfache Möglichkeit
der Verabreichung dar.
Homöopathische Lösungen sind so zu dosieren, dass die
Information in den Organismus gelangt. Üblicherweise besteht
die Gabe aus einigen Millilitern pro Tier bis zur Ausheilung. Solange
Zeichen einer Besserung vorhanden sind, darf nicht nachbehandelt
werden.
In der Homöopathie ist es für den Therapieerfolg sehr
wichtig, genau zu beobachten und zu warten.
Wo
passt die Homöopathie hin?
Viele Schweinekrankheiten
lassen sich mit der Homöopathie besser, rascher und billiger
als mit der Schulmedizin behandeln. Aber es gibt auch Krankheiten
bei denen die Schulmedizin der Homöopathie überlegen ist.
Zu erwähnen sind dabei vor allem Schutzimpfungen gegen Infektionskrankheiten
(Parvovirus, Influenza, Rotlauf,
Leptospirose, Mykoplasmen,…) deren Unterlassung ein großer
Fehler wäre und der Schweineproduktion stark schaden würde.
Beide Methoden ergänzen sich gegenseitig in hervorragender
Weise, und der Tierarzt hat nach Maßstäben der Zweckmäßigkeit
im Einzelfall zwischen Schulmedizin und Homöopathie zu wählen.
Jeder fanatische Richtungsstreit zwischen Schulmedizin und Homöopathie
ist abzulehnen, da er den Patienten schadet. Berechtigung hat alles
was „hilft“, auch wenn es mit unseren momentanen wissenschaftlichen
Methoden noch nicht zur Gänze erklärt werden kann.
Die österreichische Rechtslage erlaubt es dem Tierarzt, homöopathische
Arzneimittel in seiner Hausapotheke ab der Potenz D6 für von
ihm betreute Nutztiere herzustellen. Damit ist eine kostengünstige
Versorgung der Nutztierbestände mit diesen Mitteln möglich.
Wartezeiten gibt es für erlaubte homöopathische Mitteln
(ab D6) nicht, was sehr im Sinne der Lebensmittelsicherheit ist.
Der aktuellen und weltweit in Schweineherden auftretenden Circovirusproblematik
kann sehr gut mit einem kaskadenartigen Behandlungsschema mit den
angeführten Mitteln, beginnend bei der Zuchtsau über Ferkel
bis zur Mast begegnet werden.
Neueste Erkenntnisse in der Schweinemedizin zeigen uns, dass Potenzen
ab D30 bessere Wirkungen zeigen, ebenso wie Behandlungsschemata
mit Hochpotenzen bis D 1000 und Potenzakkorde.
So gut wie alle Lücken bei den Nutztierarzneimitteln, die durch
gesetzliche Einsatzverbote einzelner Medikamente entstanden sind,
können durch homöopathische Mitteln ersetzt werden. Alle
arzneimittelrechtlichen Dokumentationspflichten gelten für
herkömmliche und homöopathische Mittel für den Landwirt
(Logbuch) und Tierarzt (Abgabeschein) in gleicher Weise.
Welche Erfahrungen Schweinehalter
mit der Homöopathie gemacht haben, lesen Sie in den folgenden
Reportagen.

Wir haben mit der Homöopathie
vor allem bei der Rausche und bei Saugferkel- Frühdurchfällen
gute Erfahrungen gemacht“, so Josef Haas. Er hält 250
Muttersauen und setzt seit zweieinhalb Jahren homöopathische
Mittel ein. „Zwar ist die Verabreichung arbeitsintensiver,
dafür gibt es aber keine Wartezeiten und keine Resistenzen“,
so seine Erfahrungen.
Damit die Sauen sicher rauschen, erhalten sie vier bis fünf
Tage vor dem Absetzen der Ferkel täglich ein Kombimittelaus
Pulsatilla und Apis. Haas verabreichtjeder Sau 2 ml der Lösung
oral. Die Sauen rauschen dann ziemlich genau am fünften Tag
nach dem Absetzen.
Bewährt haben sich die homöopathischen Mittel auch bei
Frühdurchfällen der Ferkel. Heute setzen wir hier keine
Antibiotika mehr ein. Mit homöopathischen Mitteln haben wir
bessere Erfahrungen gemacht“, so der Landwirt. In den ersten
zwei Lebenstagen erhalten die Ferkel 1 ml Sulfur. Hat ein Ferkel
Durchfall, bekommt es einmal pro Tag Tuberkulinum. „Meist
ist der Durchfall mit einer Gabe weg“, so Haas.
Tuberkulinum
als Stärkungsmittel
Tuberkulinum hat sich auch als generelles
Stärkungsmittel bewährt, wenn erste Anzeichen einer Krankheit
auftreten. Der Landwirt setzt es bei den Sauen vorbeugend gegen
Grippe oder zur Impfvorbereitung ein.
Und bei Klauenentzündungen der Zuchtsauen wirkt Tarantula.
Hier hilft in der Schulmedizin fast gar nichts, so die Erfahrung
von Haas.
Die homöopathischen Mittel bezieht er von seinem Tierarzt.
Zu den Kosten meint der Landwirt: „Homöopathische Mittel
sind etwa gleich teuer wie herkömmliche Arzneimittel“.
„Man darf von der Homöopathie auch keine Wunder erwarten“,
gibt der Landwirt zu bedenken und nennt auch Nachteile: „Zu
berücksichtigen ist der höhere Arbeitsaufwand durch die
Verabreichung der Mittel. Viel Zeit ist für die Tierbeobachtung
erforderlich. Man muss die Tiere kennen, wissen, wie sie sich verhalten
und aus Verhaltensänderungen schließen können, was
das sein könnte.“ Je genauer das gelingt, umso besser
wirkt die Homöopathie.
Nicht überall haben sich nach der Erfahrung von Haas die homöopathischen
Mittel bewährt. Bei akuten Krankheiten kommt eine homöopathische
Behandlung oft zu spät. „Bei Viruserkrankungen und Streptokokken
darf man sich nicht auf die Homöopathie verlassen“, so
Haas. Hier kann man Homöopathika nur zu Vorbeugung einsetzen.
Sigrid Gerl

Auch wir hatten immer wieder Probleme
mit Ferkelfrühdurchfällen“, so Erwin Oswald. Obwohl
Hygiene und Futter in Ordnung waren, war dieses Problem einfach
nicht in den Griff zu kriegen. „Ich konnte spritzen, was ich
wollte, der Durchfall ist immer wieder gekommen. Schließlich
hat unser Tierarzt vorgeschlagen, es zusätzlich mit einem homoöpathischen
Mittel zu probieren.“ Er hat speziell für den Betrieb
ein Mittel aus mehreren Komponenten zusammengemischt. Davon verabreicht
Oswald jedem Ferkel gleich nach der Geburt ein bis zwei Tropfen.
Das hat geholfen. Der Durchfall ist nicht wiedergekommen. Oswald
sieht die Homöopathie als sinnvolle Ergänzung zur Schulmedizin.
„Da unser Tierarzt die Mittel selber zusammenmischt, sind
sie auch günstig“, so der Landwirt.
Verabreichung über Wasserdosierer
Seine 110 Muttersauen hält Oswald
im Vier-Wochen-Rhythmus. Damit die Sauen rechtzeitig in die Rausche
kommen, erhalten sie drei Tage vorher über den Wasserdosierer
ein Kombimittel aus Pulsatilla und Apis. Das ist eine praktische
Lösung: Es ist wenig Arbeit, und jede Sau erhält das Mittel
100-prozentig. „Der Einsatz der homöopathischen Mittel
hat auch dazu beigetragen, das wir jetzt unter 5% Umrauscher haben.“
Oswald versucht nun gemeinsam mit seinem Tierarzt, die Probleme
mit Circovirus in den Griff zu bekommen. Die Ferkel erhalten gleich
nach der Geburt und nach dem Absetzen spezielle Mittel. „Dazu
liegen derzeit noch zu wenig Erfahrungen vor, weil wir das erst
bei einer Partie durchgeführt haben“, so Oswald. Sein
Fazit: Homöopathie hilft oft gerade dort, wo sich die Schulmedizin
schwer tut.
Sigrid Gerl
top Journal
12/2005
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